Veröffentlicht am 04.11.2026

Wer übernimmt die Praxen, wenn ihre Gründer*innen in Rente gehen, und zu welchem Preis? Darüber hat Volker Brünger, Gesundheitsökonom beim BED, im Podcast Therapie.Insights mit Kevin Gensch und dem Physiotherapeuten Jens Uhlhorn gesprochen.
Wenn die Babyboomer ihre Praxen abgeben
Jens Uhlhorn weiß, wie sich eine Praxisübernahme unter schlechten Vorzeichen anfühlt. Als er 1996 eine Physiotherapiepraxis übernahm, brachen durch die Seehofer-Reform innerhalb von zwei Tagen rund 30 Prozent der Verordnungen weg. Heute begleitet er selbst Praxisnachfolgen, und wieder ist die Lage angespannt. Wer sich Ende der 80er- oder in den 90er-Jahren selbstständig gemacht hat, hört jetzt auf. Bis 2032 dürfte etwa ein Drittel der rund 42.000 Heilmittelpraxen abgegeben werden. Nach Uhlhorns Erfahrung stehen dabei einem Kaufinteressenten rund zehn Angebote gegenüber.
Was verloren geht, wenn eine Praxis schließt
Volker Brünger lenkt den Blick hin zu den Patient*innen. Eine Praxis, die seit Jahrzehnten besteht, ist meist eng mit Kliniken und Ärzt*innen der Region verbunden. Er nennt die Handtherapie als Beispiel: Kliniken verlassen sich darauf, dass ihre Patient*innen nach einer Operation ambulant gut weiterversorgt werden. Setzt die Nachfolge in einer solchen Praxis andere Schwerpunkte, fällt diese Nachsorge weg, und mit ihr steht der Erfolg des Eingriffs auf dem Spiel. Dass solche Zusammenhänge in der Debatte um die Krankenhausreform kaum vorkommen, hält er für ein echtes Versäumnis.
Als die VersorgungsPauschale gestrichen wurde
Wie sehr die Politik über den Wert einer Praxis mitentscheidet, macht Volker Brünger an der Blankoverordnung fest. Die versorgungsbezogene Pauschale hatte der BED im Schiedsverfahren erstritten, und viele Praxen hatten fest mit ihr geplant. Dann wurde sie durch das Beitragssatzstabilisierungsgesetz gestrichen. Für ihn ist das mehr als ein Einnahmeverlust, denn wer heute eine Praxis kaufen möchte, kann kaum noch politisch abschätzen, was in zwei oder drei Jahren gilt.
Diese Unsicherheit kommt auch bei den Banken an. Jens Uhlhorn rechnet vor, was das für eine Praxis zum Preis von 250.000 Euro bedeutet: rund 80.000 Euro Eigenkapital und Zinsen von bis zu sechs Prozent. Für Mitarbeitende Ende zwanzig, die die Praxis gern weiterführen würden, ist das kaum zu stemmen.
Warum es die kleinen Praxen braucht
Größere Zentren können die Digitalisierung besser nutzen und zahlen oft höhere Gehälter. Trotzdem widerspricht Volker Brünger der Vorstellung, die Versorgung ließe sich in wenigen großen Einheiten bündeln. Ein großes Zentrum, zum Beispiel zentral in Bremen, hilft niemandem im ländlichen Umfeld. Gerade in der Ergotherapie sind viele Patient*innen hochbetagt oder pflegebedürftig, und für sie zählt jeder Kilometer.
Jens Uhlhorn sieht darin sogar eine Chance. Die großen Einheiten könnten die breite Versorgung übernehmen, während sich kleinere Praxen spezialisieren, etwa auf Hand- oder Demenztherapie. Wer ein klares Profil hat, findet nach seiner Erfahrung auch leichter eine Nachfolge.
Weg mit dem Heilmittelkatalog?
Zum Schluss fragt Kevin Gensch seine Gäste, was sie sofort ändern würden. Volker Brünger muss nicht lange überlegen: Er würde den Heilmittelkatalog ersatzlos streichen. Aus seiner Sicht dient der Katalog vor allem der Mengensteuerung und geht am tatsächlichen Bedarf vorbei. Ohne ihn läge die Entscheidung, wie eine Behandlung aussieht, bei den Therapeut*innen, und genau diese Verantwortung traut er ihnen zu. Langfristig wünscht er sich eine teambasierte Versorgung, in der die Gesundheitsfachberufe auf Augenhöhe arbeiten und auch den Erstkontakt übernehmen.
Das ganze Gespräch auf YouTube
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