Veröffentlicht am 09.01.2026
Therapie ist Teil der Daseinsvorsorge
Ergotherapie, Physiotherapie, Logopädie und Podologie ermöglichen Menschen, am Alltag teilzuhaben, selbstständig zu bleiben, wieder arbeiten zu können, kommunizieren zu können. Wenn diese Versorgung verlässlich da ist, fällt sie kaum auf. Wenn sie brüchig wird, spüren Patientinnen und Patienten das sofort.
In der politischen Debatte wird diese Rolle oft unterschätzt. Dabei hat sie eine zweite, gesellschaftlich hoch relevante Dimension:
Versorgung ist gelebte Staatlichkeit
Wo Versorgung nicht erreichbar ist, entsteht schnell das Gefühl: „Wir werden nicht gesehen.“ Und dieses Gefühl ist ein Nährboden für politischen Rückzug, Protest und für Angebote, die einfache Schuldige präsentieren.
Was „left behind“ im Alltag bedeutet
„Left behind“ meint nicht nur wirtschaftliche Nachteile. Es beschreibt das Erleben, dass der eigene Lebensraum, die eigene Berufsrealität oder die eigene Region politisch nicht mehr wirklich erreicht wird: keine greifbaren Lösungen, wenig Ansprechbarkeit, wenig sichtbare Präsenz im Alltag. Forschung zur „geography of discontent“ zeigt, dass solche Wahrnehmungen mit politischer Unzufriedenheit zusammenhängen, besonders dort, wo Menschen langfristig Ungleichheit und Abkopplung erleben.
Ein wichtiger Punkt daran:
=> Nicht nur die objektive Lage zählt, sondern auch die Erfahrung von Erreichbarkeit.
Wenn Angebote fehlen oder schwer zugänglich sind, sinkt Vertrauen in staatliche Handlungsfähigkeit.
Die doppelte Dynamik bei den Therapieberufen
Bei den Therapieberufen kann sich eine Spirale entwickeln, die zwei Seiten zugleich trifft.
1) Therapierende fühlen sich politisch nicht gesehen und ziehen sich zurück
Viele Therapeutinnen und Therapeuten erleben seit Jahren wiederkehrende Muster: Reformen werden angekündigt, aber im Praxisalltag kommen sie zäh oder gar nicht an; Bürokratie wächst; digitale Projekte wirken wie zusätzliche Last; Fachkräftemangel bleibt im Alltag ungelöst; Vergütung und Rahmenbedingungen werden als nicht auskömmlich, teils als nicht wertschätzend erlebt.
Wenn sich das verfestigt, ist Rückzug eine nachvollziehbare Reaktion. Rückzug kann heißen:
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weniger Beteiligung an politischen Gesprächen und Gremien
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weniger Engagement in Verbänden und Netzwerken
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Reduktion von Stunden, Reduktion von geplanten Kapazitäten, Wechsel in andere Tätigkeiten
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im Extremfall: Ausstieg aus der Versorgung
Nicht aus Mangel an Verantwortungsgefühl, sondern als Schutzmechanismus: Wer dauerhaft das Gefühl hat, mit realen Problemen nicht durchzudringen, spart Energie, indem er sich aus dem Diskurs zurückzieht.
2) Patientinnen und Patienten erleben dadurch stärker „left behind“
Wenn Therapierende weniger Kapazität haben oder aus der Versorgung verschwinden, wird aus politischer Unsichtbarkeit schnell eine ganz konkrete Alltagserfahrung:
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Wartezeiten werden länger, Behandlungen brechen ab
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Wege werden weiter, besonders im ländlichen Raum
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Angehörige übernehmen mehr, oft an der Grenze ihrer Belastbarkeit
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Menschen verlieren Teilhabe, Vertrauen und Handlungsspielraum
In der Summe entsteht der Eindruck: „Für uns ist niemand zuständig.“ Genau dieses Erleben ist zentral für politischen Vertrauensverlust. Forschung zeigt, dass Erreichbarkeit von Infrastruktur und öffentlichen Angeboten mit Vertrauen in Politik und Institutionen zusammenhängt.
Warum das Rechtspopulismus verstärken kann
Rechtspopulistische und radikal rechte Parteien profitieren häufig dort, wo politische Entfremdung hoch ist und Menschen sich vom „System“ vergessen fühlen. In einer Studie wird gezeigt, dass politische Entfremdung die Wirkung von Mobilisierung auf den Erfolg der populistischen radikalen Rechten mitprägt, vereinfacht gesagt: Wo Entfremdung stark ist, ist Protestwahl wahrscheinlicher.
Für Deutschland gibt es zudem Hinweise, dass wahrgenommene Abkopplung und lokale politische Stimmung mit dem Erfolg rechter Parteien im ländlichen Raum zusammenhängen können.
Andere Arbeiten betonen, dass auch historische Peripherie, also dauerhaftes „nicht dazugehören“, mit höherer Zustimmung zur radikalen Rechten verbunden sein kann.
Wichtig ist: Niemand behauptet, fehlende Therapie „mache“ Menschen rechts. Der Punkt ist strukturell:
Wenn Versorgung bröckelt und Politik im Alltag nicht greifbar ist, wächst Misstrauen. Misstrauen ist der Treibstoff für Protest, Polarisierung und populistische Versprechen.
Warum Therapieberufe hier eine Schlüsselrolle haben
Therapeutinnen und Therapeuten arbeiten nah an Lebensrealitäten: nach Schlaganfall, mit chronischem Schmerz, bei Entwicklungsstörungen, in der Onkologie, bei Demenz. Sie hören Sorgen, sie sehen Barrieren, sie erleben Versorgungslücken unmittelbar. Damit sind Therapieberufe ein Frühwarnsystem für gesellschaftliche Bruchstellen.
Wenn Therapierende resignieren, verschwindet nicht nur fachliche Expertise. Es verschwindet ein Teil der sozialen Infrastruktur, die Menschen Stabilität gibt. Und genau diese Stabilität ist wichtig, damit sich Bürgerinnen und Bürger nicht „zurückgelassen“ fühlen.
Was die Forschung dazu nahelegt
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Wahrnehmung von „left behind“ ist politisch wirksam. In ländlichen Regionen Deutschlands sind Wahrnehmungen des Zurückgelassenwerdens und lokale politische Kontexte relevant, wenn man rechten Erfolg verstehen will.
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Erreichbarkeit stärkt Vertrauen. Kürzere Distanzen zu bestimmten Angeboten, etwa zu Bahnhöfen, sind mit höherem Vertrauen in die Regierung verbunden; langfristige Unterversorgung kann geografisch polarisierte Unzufriedenheit begünstigen.
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Entfremdung macht Protest attraktiver. Politische Entfremdung verstärkt, unter welchen Bedingungen die populistische radikale Rechte von Mobilisierung profitiert.
Was jetzt zählt: Vertrauen durch Präsenz
Natürlich braucht es Reformen. Aber Vertrauen entsteht nicht nur durch große Pakete, sondern durch sichtbare Präsenz, Ansprechbarkeit und nachvollziehbare Schritte.
Was Politik beitragen kann:
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regelmäßige Praxisbesuche und Dialogformate mit dokumentierter Rückmeldung: Was wurde gehört, was wird getan, bis wann
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klare Zuständigkeiten, eine erkennbare Ansprechperson für Heilmittelversorgung
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Entscheidungen erklären, auch dann, wenn etwas nicht sofort geht; Transparenz ist vertrauensbildend
Was wir als Profession beitragen können:
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Versorgungsrealität öffentlich beschreiben, faktenbasiert, ohne Parteipolitik
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Beteiligung in kommunalen Strukturen, Gesundheitskonferenzen, Gremien
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Sichtbarkeit schaffen, indem wir gemeinsam benennen, was Versorgung wirklich braucht, und was passiert, wenn sie ausdünnt
Die Botschaft zum Schluss
Rückzug wirkt nicht neutral. Wenn Therapierende sich nicht positionieren und sich aus dem politischen Diskurs zurückziehen, wird Versorgung instabiler. Patientinnen und Patienten erleben dadurch stärker das Gefühl des Zurückgelassenseins. Und dieses Gefühl ist ein zentraler Nährboden für rechtspopulistische Dynamiken.
Wer Demokratie und Versorgung stärken will, darf Unsichtbarkeit nicht hinnehmen. Rückzug und Nichtpositionieren können Rechtspopulismus strukturell verstärken – dies gilt für Politik und Therapierende gleichermaßen.
Das ist unsere zentrale Botschaft in diesem Jahr, in dem viele wichtige Landtagswahlen anstehen.
Quellen (Auswahl)
Deppisch, L., & Klärner, A. (2025). Discontent in “left-behind places”? How perception of space and local political climate matter for the success of right-wing populism in rural areas of Germany. Regional Studies. https://doi.org/10.1080/00343404.2025.2587811 Tandfonline
Rodríguez-Pose, A. (2020). The rise of populism and the revenge of the places that don’t matter. LSE Public Policy Review, 1(1). https://doi.org/10.31389/lseppr.4 LSE Public Policy Review
Schulte-Cloos, J., & Leininger, A. (2022). Electoral participation, political disaffection, and the rise of the populist radical right. Party Politics, 28(3), 431–443. https://doi.org/10.1177/1354068820985186 SAGE Journals
Stroppe, A.-K. (2023). Left behind in a public services wasteland? On the accessibility of public services and political trust. Political Geography, 105, 102905. https://doi.org/10.1016/j.polgeo.2023.102905 ScienceDirect
Ziblatt, D., Hilbig, H., & Bischof, D. (2024). Wealth of Tongues: Why Peripheral Regions Vote for the Radical Right in Germany. American Political Science Review, 118(3), 1480–1496. Cambridge University Press & Assessment