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BED-Antwort auf 2.: Welche Auswirkungen haben die bisherigen Ergebnisse auf Praxen und Therapieberufe?

Veröffentlicht am 24.04.2026

Ende März erhielten wir eine Interviewanfrage zum Thema GKV-Vergütung für Heilmittelleistungen von Silvia Funke, freie Fachjournalistin aus Leipzig für Optica, welche wir Anfang April schriftlich beantwortet hatten. Im Optica-Newsletter wurden die Antworten entsprechend berücksichtigt.

Hier und in weiteren folgenden Artikeln stellen wir (krankheitsbedingt erst jetzt) die Vollversionen der Fragen und Antworten zur Verfügung. 

Frage 2: Welche Auswirkungen haben die bisherigen Ergebnisse auf Praxen und Therapieberufe?

Antwort BED e.V. vom 07.04.2026

Die Auswirkungen sind aus unserer Sicht seit Jahren erkennbar, und sie verschärfen sich weiter. Wenn Preise die tatsächlichen Kosten nicht abbilden, entsteht in den Praxen eine dauerhafte Unterdeckung. Diese Unterdeckung bleibt nicht folgenlos, sondern setzt sich an vielen Stellen in der Versorgung fort: in der Nachwuchsgewinnung, in der Personalbindung, in der fachlichen Weiterentwicklung, in der Investitionsfähigkeit der Praxen und am Ende auch in der Versorgungsqualität.

Für Praxisinhabende bedeutet das ganz konkret, dass sie permanent unter wirtschaftlichem Druck stehen. Unternehmerisch bleiben dann im Kern immer nur wenige Stellschrauben: Die Terminlogik zu optimieren, mehr Umsatz erwirtschaften, Ausgaben senken oder alles gleichzeitig. In der Realität heißt das oft, länger selbst zu arbeiten, auf eigene Einkommensanteile zu verzichten, Investitionen zu verschieben oder an anderer Stelle Einsparungen vorzunehmen. Das kann Fortbildungen betreffen, Material, Personalentwicklung, Räumlichkeiten, oder auch Zukunftsinvestitionen in Digitalisierung und Innovation. Gerade diese Innovationen könnten perspektivisch entlasten, erfordern aber zunächst Geld, Zeit und Planung; genau das fehlt in wirtschaftlich dauerhaft angespannten Strukturen.

Für Fachkräfte bedeutet diese Entwicklung, dass ihre Arbeit unter Bedingungen stattfindet, die vielfach nicht zu dem hohen fachlichen Anspruch passen, den der Berufsalltag eigentlich erfordert. Wenn Praxen unterfinanziert sind, können Mitarbeitende oft nicht in dem Maße vergütet werden, wie es Verantwortung, Qualifikation und Belastung entsprechen würde. Aus unserer Sicht schwächt das die Attraktivität der Berufe erheblich, erschwert die Bindung von Fachkräften und verstärkt die Abwanderung in andere Sektoren oder aus dem Beruf heraus. Dass es in den Therapieberufen zugleich erhebliche Fachkräfteengpässe gibt, ist amtlich dokumentiert und jedem bekannt.

Hinzu kommt eine Belastung, die man nicht nur ökonomisch betrachten darf. Als BED erleben wir sehr unmittelbar, wie groß der Druck in vielen Praxen ist. Praxisinhabende berichten von Zukunftsängsten, von permanenter Anspannung und davon, sich über Jahre an der Grenze der Erschöpfung zu bewegen. Wissenschaftlich lässt sich zumindest festhalten, dass es in Physio- und Ergotherapie Hinweise auf relevante psychische Belastungen gibt, darunter Burnout, Depression, Angst und emotionale Erschöpfung. Wir pauschalieren das bewusst nicht, sagen aber sehr klar: Die psychische Belastung in diesen Berufen ist real und sie wird durch dauerhafte ökonomische Unsicherheit nicht kleiner.

Für die Versorgung bedeutet das alles ebenfalls spürbare Folgen. Wo Fachkräfte fehlen oder Praxen wirtschaftlich kaum Luft haben, entstehen längere Wartezeiten, weniger Spielraum für Spezialisierung, weniger Fortbildung und weniger Möglichkeit, Versorgung fachlich weiterzuentwickeln. Das bremst nicht nur die Professionalisierung der Therapieberufe, sondern gefährdet auch den Anspruch, Patientinnen und Patienten qualitativ hochwertig, evidenzbasiert und verlässlich zu versorgen. Aus unserer Sicht ist genau das der eigentliche Kern des Problems: Zu niedrige Preise treffen nicht nur die Praxisbilanz, sie treffen immer auch die Versorgung.

Unser Eindruck ist deshalb sehr eindeutig: Die bisherigen Vergütungspreisergebnisse wirken nicht nur auf Zahlenwerke, sondern direkt auf den Berufsalltag. Sie entscheiden mit darüber, ob und wie Praxen ausbilden und fortbilden, Fachkräfte halten, Innovation finanzieren und Qualität sichern können. Die Vergütung in den Therapieberufen entscheidet damit auch über die Zukunftsfähigkeit der Therapieberufe insgesamt.

Wie in der Landwirtschaft, in der Industrie, in der Produktion oder in der Dienstleistung fehlt uns auch im Gesundheitswesen jedoch bis heute eine echte Gesamtbilanz. Gemeint ist damit eine Betrachtung, die nicht nur kurzfristige Kosten in den Blick nimmt, sondern auch die mittel- und langfristigen Folgen, Wechselwirkungen und gesamtgesellschaftlichen Schäden mitberücksichtigt. Politische Entscheidungen dürfen nicht so getroffen werden, dass ihre negativen Auswirkungen erst Jahre später sichtbar werden, ohne dass diese Folgen vorher offen benannt und verantwortet werden. Solche Fragen betreffen die Zukunft dieses Landes insgesamt und müssen deshalb auch gesamtgesellschaftlich verantwortet werden.

Das würde aus unserer Sicht konkret bedeuten:

1. Verpflichtende Gesamtfolgenbilanz

Vor größeren gesundheitspolitischen Reformen oder Einsparentscheidungen bräuchte es eine verpflichtende Gesamtfolgenbilanz. Darin dürfte es nicht nur um die Frage gehen, was im nächsten Haushalt eingespart wird, sondern auch darum, welche Folgekosten an anderer Stelle entstehen, etwa durch schlechtere Versorgung, mehr Pflegebedürftigkeit, längere Krankheitsverläufe, mehr Krankenhausaufenthalte, höhere soziale Belastungen oder wachsende Probleme bei Fachkräftegewinnung und Berufsausstieg.

2. Transparenz und Verständlichkeit

Diese Bilanz müsste öffentlich, verständlich und transparent aufbereitet werden. Es reicht nicht, wenn solche Folgen irgendwo in Fachpapieren versteckt bleiben. Die Bevölkerung muss nachvollziehen können, welche Entscheidung welche Konsequenzen hat, und zwar nicht nur finanziell, sondern auch für Versorgung, Teilhabe, Lebensqualität und gesellschaftliche Stabilität.

3. Alle Betroffenen in Entscheidungsfindung einbeziehen

Betroffene und Fachpraxis müssten systematisch einbezogen werden. Also nicht nur Krankenkassen, Ministerien und politische Entscheidungsträger, sondern auch Leistungserbringerverbände, Fachkräfte, Praxisinhabende, Patientinnen und Patienten sowie Wissenschaft. Wer Versorgung organisiert oder täglich erlebt, muss bei der Bewertung ihrer Folgen verbindlich mit am Tisch sitzen.

4. Bürgerrat o.ä. Beteiligungsformat auf Bundesebene

Denkbar wäre ergänzend ein Bürgerrat oder ein vergleichbares Beteiligungsformat auf Bundesebene. Dort könnte einer repräsentativ zusammengesetzten Gruppe aus der Bevölkerung die Gesamtbilanz vorgelegt werden, verbunden mit der Aufgabe, die gesellschaftlichen Prioritäten und Zielkonflikte sichtbar zu machen. Das wäre eine realistische Möglichkeit, demokratische Legitimation und langfristige Perspektive stärker zusammenzubringen.

5. Verbindliche parlamentarische Entscheidung auf Basis offengelegter Folgen

Auf dieser Grundlage müsste dann eine verbindliche parlamentarische Entscheidung erfolgen. Denn am Ende müssen solche Weichenstellungen politisch verantwortet werden, aber eben auf Basis offengelegter Folgen und nicht allein unter kurzfristigem Spardruck oder mit Blick auf die nächste Wahlperiode.

6. Verpflichtende Nachsteuerung

Schließlich bräuchte es eine verpflichtende Nachsteuerung. Wenn politische Maßnahmen beschlossen werden, müsste nach einigen Jahren überprüft werden, ob die angenommenen Einsparungen tatsächlich eingetreten sind oder ob die Schäden in Versorgung, Personalentwicklung und gesellschaftlicher Teilhabe größer waren als der kurzfristige finanzielle Effekt.

Ergebnis

So könnte aus einer kurzfristigen Kostendebatte endlich eine ehrliche gesellschaftliche Bilanz werden. Und genau das wäre aus unserer Sicht notwendig: Entscheidungen nicht nur danach zu bewerten, was sie heute auf dem Papier entlasten, sondern danach, was sie morgen für Menschen, Versorgung und Gesellschaft tatsächlich bedeuten.

Anmerkung und zeitliche Einordnung

Diese Aussagen vom 07.04.2026 sind nach wie vor hochaktuell. Die Situation hat sich zwischenzeitlich mit dem Referentenentwurf zum GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz (BStabG) sogar weiter verschärft, s. Referentenentwurf zur GKV-Stabilisierung: Mehr Verantwortung in der Therapie, aber weniger Anerkennung und mehr Belastung

Aufruf zur Gegenwehr

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