Veröffentlicht am 07.04.2026

Die jüngst veröffentlichten Empfehlungen der FinanzKommission Gesundheit sind ein massiver Angriff auf die wirtschaftliche Grundlage der Heilmittelversorgung.
Für den Heilmittelbereich empfiehlt die Kommission ein einjähriges Preismoratorium sowie die Abschaffung der gesonderten, verordnungsbezogenen Pauschalen je Blankoverordnung. Damit sollen im Heilmittelbereich Einsparungen von insgesamt 900 Millionen Euro im kommenden Jahr 2027 erfolgen. Doch damit nicht genug.
Der weitere Skandal folgt auf dem Fuß, denn die Zuordnung dieser Maßnahmen zur Kategorie A, definiert diejenigen Vorschläge, die angeblich Einsparungen ohne erwartbare Auswirkungen auf die Versorgungsqualität, den Zugang zur Versorgung und die Verteilungsgerechtigkeit ermöglichen.
Wer fast eine Milliarde Euro aus einem Versorgungsbereich herausziehen will und zugleich behauptet, Qualität, Zugang und gerechte Versorgung blieben selbstverständlich unverändert, verlässt den Boden der Realität. Kein Unternehmen, keine Behörde und keine politische Institution würde ernsthaft akzeptieren, dass man ihr in dieser Größenordnung Mittel entzieht und gleichzeitig erwartet, alles laufe unverändert weiter. Im Heilmittelbereich wird genau diese Zumutung nun aber als gesundheitspolitisch verantwortbare Empfehlung vorgelegt. Das ist ein politisches Signal gegen die vollständige Refinanzierung therapeutischer Versorgung.
Die 900 Millionen Euro werden in der Heilmittelversorgung gebraucht. 700 davon, um die realen Kosten zu refinanzieren: Personal, Mieten, Energie, Organisation, Digitalisierung, Dokumentation, Fortbildung und Versorgungskapazitäten. Die weiteren 200 Millionen Euro für die erweiterte Versorgungsverantwortung, deren fachliche Steuerung, den organisatorischen Mehraufwand, die Dokumentationspflichten, die evidenzbasierten Begründung und für die damit verbundenen eigenverantwortlichen therapeutische Entscheidungen.
Wer diese 900 Millionen streichen will, will gern die therapeutische Qualität und die Verantwortung sehen, diese aber nicht wirtschaftlich bezahlen. Deutlicher kann man die Versorgungsrealität kaum verkennen.
Dass der GKV-Spitzenverband den Bericht am selben Tag noch ausdrücklich begrüßt hat, verschärft dieses Signal zusätzlich. Der Spitzenverband der Krankenkassen spricht dabei von einem "ambitionierten Reformpaket", das die Beiträge stabil halten oder sogar senken könne. Damit wird sehr deutlich, aus welcher Perspektive hier argumentiert wird: Heilmittel werden ausschließlich als relevanter Ausgabenblock betrachtet, bei dem sich Geld holen lässt. Die unzähligen positiven Effekte professioneller Heilmittelversorgung auf die wirtschaftliche und soziale Stabilität dieses Landes werden entweder aktiv ignoriert oder gar negiert.
Gerade der frühere Beitrag von Volker Brünger zeigt, wie treffend sich diese Entwicklung bereits angekündigt hat. In seinem Standpunkt "Wenn Versorgung zur Kostenfrage gemacht wird" beschreibt er, dass Versorgung immer häufiger gerade nicht danach bewertet wird, was sie tatsächlich kostet, um angemessen zu wirken, sondern danach, wo sich Ausgaben begrenzen lassen. Genau diese Logik liegt jetzt offen auf dem Tisch. Und genau deshalb ist die aktuelle Lage keine Überraschung mehr, sondern der nächste Eskalationsschritt.
Für die Ergotherapie zeigt sich diese Entwicklung aktuell zusätzlich in der laufenden Preisrunde 2026. Aus Sicht des BED hat der GKV-Spitzenverband die bisherige methodische Grundlage verlassen und stellt nunmehr eine andere Ausgangsfrage als die der tatsächlichen von den Praxen getragenen Kosten rückblickend für das Jahr 2025. Damit geht es um einen Angriff auf die Grundlage der Preisbildung selbst.
Zugleich wurde auf weitere Forderungen der Leistungserbringerseite, etwa zur Tagespflege, zur Telemedizin und zur Berücksichtigung bereits bekannter Tarifanpassungen 2026, keine tragfähige Lösung aufgezeigt. Diese Preisrunde ist damit ein konkretes Beispiel dafür, wie sich dieselbe politische Logik schon heute in Verhandlungen niederschlägt: Reale Kosten sollen möglichst nicht, oder zumindest nicht vollständig in der Vergütung ankommen.
Für die Heilmittelberufe wäre solch eine (Rück-)Entwicklung ein Trauma. Genau deshalb braucht es jetzt über alle Heilmittelberufe hinweg gemeinsames Handeln. Wer für dieselben Ziele zusammen aufsteht, kann Druck aufbauen und dieses drohende Unheil verhindern.
Jetzt braucht es mehr gemeinsame Richtung
Die richtige Antwort auf diese Entwicklung ist Bündelung.
Berufsverbände und Therapeut*innen wirken eng miteinander, gegen die organisierte Unterfinanzierung, die die Heilmittelversorgung direkt angreift.
Darauf sollte sich die Gegenwehr jetzt konzentrieren.
Was jetzt gebraucht wird, ist das enge Zusammenspiel von Berufsverbänden und Therapierenden. Der BED und andere Verbände tragen die fachpolitische Auseinandersetzung, führen Verhandlungen, ordnen Entwicklungen ein, formulieren Forderungen und bringen Themen in Politik und Öffentlichkeit. Die unmittelbar betroffenen Therapierenden machen sichtbar, was diese Entscheidungen im Alltag tatsächlich bedeuten. Beides gehört zusammen. Ohne starke Verbände fehlt die strukturierte Interessenvertretung. Ohne die klaren Stimmen aus der Versorgung fehlt die konkrete Wucht der Realität. Gerade jetzt kommt es darauf an, dass beides ineinandergreift. Der Verband bündelt und verstärkt; die Therapierenden liefern Erfahrung, Wirklichkeit und Sichtbarkeit. Genau daraus entsteht politische Kraft.
Was Therapeut*innen jetzt konkret tun können
Was jetzt gebraucht wird, sind deshalb nicht nur die fachpolitischen Positionspapiere der Berufsverbände, sondern zugleich auch die Stimmen aus der Versorgung. Schreibt Abgeordneten, Ministerien, gesundheitspolitischen Sprecherinnen und Euren Wahlkreisvertretungen. Schreibt konkret was Euch belastet. Schreibt, was steigende Kosten in Eurer Praxis bedeuten. Schreibt, was es heißt, wenn Verantwortung übertragen wird, aber die Refinanzierung fehlt. Schreibt, was es für Patientinnen bedeutet, wenn Versorgung nur noch unter wirtschaftlichem Druck organisiert werden kann.
Gerade hier gilt: Persönliche Versorgungserfahrungen sind politisch oft das stärkste Argument. Das muss kein hochglanzpolierter Text sein. Es reicht, wenn klar wird, was im Alltag konkret passiert. Was bedeutet es, wenn reale Kosten nicht abgebildet werden? Was bedeutet es, wenn Dokumentationsaufwand, organisatorischer Mehraufwand und fachliche Steuerung in der Blankoversorgung nicht adäquat vergütet werden? Was bedeutet das für Behandlungszeit, für Planungssicherheit, für Personaleinsatz, für Wartezeiten und für die tatsächliche Versorgung von Patient*innen?
Deshalb: Schreibt auch gemeinsam mit Patientinnen und Angehörigen. Schreibt auf, was eingeschränkte Refinanzierung ganz konkret verändert. Weniger Flexibilität; weniger Zeit; weniger Spielraum für fachlich sinnvolle Entscheidungen; mehr wirtschaftlicher Druck auf genau die Strukturen, die Versorgung eigentlich sichern sollen. Und macht deutlich, was es für Menschen in Therapie konkret bedeutet, wenn Blankoversorgung nicht in der notwendigen Qualität oder im notwendigen Umfang umgesetzt werden kann, weil der dafür entstehende Aufwand wirtschaftlich nicht mehr getragen wird.
Wichtig ist auch: Niemand muss das allein machen. Tauscht Euch im Team aus, formuliert gemeinsam, sammelt als angestellte Therapierende zusammen mit den Praxisinhabenden Beispiele, besprecht Fälle und bündelt Erfahrungen. Nutzt den BED, andere Berufsverbände und das Bündnis Zukunft Therapieberufe nicht nur als Informationsquelle, sondern auch als Orte, an denen aus Frust gemeinsame Richtung werden kann. Das Bündnis versteht sich als Zusammenschluss engagierter Heilmittelerbringer*innen aus der Praxis. Genau solche Räume braucht es jetzt, damit aus Betroffenheit gemeinsames Handeln wird.
Die zentrale Botschaft muss dabei nicht kompliziert sein: Wenn reale Kosten nicht refinanziert werden, fehlt das Geld nicht abstrakt irgendwo im System, sondern mitten in der Versorgung. Und wenn erweiterte Versorgungsverantwortung politisch gewollt ist, dann muss sie auch praktisch und wirtschaftlich tragfähig gemacht werden und bleiben.
Der Auftakt zum Kämpfen beginnt jetzt
Die aktuelle Lage ist kein Randkonflikt. Sie ist ein Testfall dafür, ob therapeutische Versorgung in Deutschland als notwendige Versorgungsleistung behandelt wird oder als Einsparfeld, aus dem man klaglos 900 Millionen Euro herausziehen kann und gleichzeitig behauptet, das bleibe ohne Folgen für die Versorgung und die therapeutische Qualität. Genau deshalb muss jetzt aus Frustration Richtung werden und aus Richtung gemeinsames Handeln.
Die Erfahrung aus 2019 hat uns gelehrt, das Großes erreichbar ist.
Lassen Sie es uns zusammen noch einmal tun.
Wenn Verbände und Therapierende jetzt geschlossen auftreten, entsteht die Kraft, die diese Entwicklung noch stoppen kann.
Zeigen Sie, was diese Entscheidungen in Ihrem Alltag bedeuten, für Praxen, für Patient*innen und für die Zukunft der Versorgung und schreiben Sie uns das an: info@bed-ev.de